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23. Oktober 2019

"Wir wissen, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben"

Vortragsabend der Lebenshilfe Schweinfurt zum Thema "Selbstvertretung"


Sie beraten ab sofort kostenlos andere Menschen mit Lernschwierigkeiten bei persönlichen Entscheidungen: Die neuen Peer-Unterstützer der Lebenshilfe Schweinfurt, Jenny Schmitt, Mariella Groß, Olga Triol, Christiane Schmitt, André Holzschuh, Josef Kochanek und Thomas Kragl (v. l.), stellen sich zusammen mit Thomas Schüler von den Offenen Hilfen beim Vortragsabend der Lebenshilfe Schweinfurt vor.

Sie beraten ab sofort kostenlos andere Menschen mit Lernschwierigkeiten bei persönlichen Entscheidungen: Die neuen Peer-Unterstützer der Lebenshilfe Schweinfurt, Jenny Schmitt, Mariella Groß, Olga Triol, Christiane Schmitt, André Holzschuh, Josef Kochanek und Thomas Kragl (v. l.), stellen sich zusammen mit Thomas Schüler von den Offenen Hilfen beim Vortragsabend der Lebenshilfe Schweinfurt vor.

Sie machen sich stark für andere: Bewohnerbeirätin Susanna Süß, Werkstattrat Besnik Buteli und die Frauenbeauftragte Olga Triol (2., 3. u. 4. v. l.) im Gespräch mit Barbara Dengler von der Lebenshilfe Bayern (l.) und Elisabeth Ponickau aus der Sennfelder Lebenshilfe-Werkstatt.

Sie machen sich stark für andere: Bewohnerbeirätin Susanna Süß, Werkstattrat Besnik Buteli und die Frauenbeauftragte Olga Triol (2., 3. u. 4. v. l.) im Gespräch mit Barbara Dengler von der Lebenshilfe Bayern (l.) und Elisabeth Ponickau aus der Sennfelder Lebenshilfe-Werkstatt.

"Wir wollen, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können": Christiane Schmitt (l.), Thomas Kragl (3. v. l.) und Jürgen Kraus (r.) von W.M.F., einer kürzlich gegründeten, Schweinfurter Selbstvertretergruppe für Menschen mit Behinderung zusammen mit Melanie Höller von den Offenen Hilfen der Lebenshilfe Schweinfurt.

"Wir wollen, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können": Christiane Schmitt (l.), Thomas Kragl (3. v. l.) und Jürgen Kraus (r.) von W.M.F., einer kürzlich gegründeten, Schweinfurter Selbstvertretergruppe für Menschen mit Behinderung zusammen mit Melanie Höller von den Offenen Hilfen der Lebenshilfe Schweinfurt.

Es geht los: Ab sofort kann man bei den Offenen Hilfen der Lebenshilfe Schweinfurt einen Termin bei einem Peer-Unterstützer vereinbaren. Das sind Menschen mit Lernschwierigkeiten, die anderen Menschen mit Lernschwierigkeiten dabei helfen, persönliche Entscheidungen zu treffen. "Wir sind Experten in eigener Sache, weil wir wissen, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben", erläuterte Jenny Schmitt ihre neue Aufgabe. Sie ist eine von acht Peer-Unterstützern, die nach einer knapp einjährigen Ausbildung nun kostenlos Menschen mit Behinderung zu unterschiedlichen Lebensbereichen beraten. Dabei geht es zum Beispiel um Fragen rund um Partnerschaft, Arbeit oder den Auszug aus dem Elternhaus. Der Öffentlichkeit vorgestellt haben sich die Peer-Unterstützer am Montag in der Schweinfurter Rathausdiele. Dort traten sie im Rahmen des Vortragsabends "Sich selbst vertreten? - Na klar!" der Lebenshilfe Schweinfurt auf.

 

Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, über ihr Leben selbst zu bestimmen. Sie bestimmen zum Beispiel darüber, wo und mit wem sie wohnen, wo sie arbeiten und wie sie ihre Freizeit verbringen. Für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung treffen diese Entscheidungen oft andere. Dass aber auch Menschen mit Behinderung zuallererst selbst über ihr Leben bestimmten wollen und können, ist ein für viele noch immer ungewohnter Gedanke. "Erst Selbstbestimmung und Selbstvertretung geben uns Selbstvertrauen", stimmte Dr. Horst Golüke, der Vorsitzende der Lebenshilfe Schweinfurt, die Gäste auf den Vortragsabend ein.

 

Mit Selbstvertrauen alleine ist es aber nicht immer getan. Oft sind der Möglichkeit, sich selbst zu vertreten ganz praktische Grenzen gesetzt. Zu schmale Gehwege, Treppenstufen vor öffentlichen Gebäuden und Geschäften, zu hoch hängende Busfahrpläne: Thomas Kötzel und Lukas Martin, der Leiter und ein Schüler des Schonunger Förderzentrums der Lebenshilfe Schweinfurt, stellten den Zuhörern eine Liste mit Dingen vor, die Rollstuhlfahrern und gehbehinderten Menschen das Leben im Ort schwer machen. Vorgestellt hatten sie diese Liste kürzlich auch Schonungens Bürgermeister. Und der reagierte prompt. Erste Barrieren sind bereits beseitigt, weitere werden in Angriff genommen.

 

Wie viel Selbstvertretung bewegen kann, zeigten auch die Auftritte von Susanna Süß, Besnik Buteli, Olga Triol und Paul Moser. Süß ist die Vorsitzende des Bewohnerbeirats der Wohnheime der Lebenshilfe Schweinfurt, Buteli Werkstattratsvorsitzender in der Sennfelder Lebenshilfe-Werkstatt, Triol deren Frauenbeauftragte und Moser unter anderem Mitglied im Ausschuss der Selbstvertreter der Lebenshilfe Bayern. Je nach Funktion sprechen die vier bei ganz unterschiedlichen Themen mit: Sie stimmen zum Beispiel über neue Wohnheim-Mitbewohner ab, nehmen Einfluss auf die Höhe des Werkstattlohns oder setzen sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsplatz ein. "Das ist manchmal schwierig, aber es macht Spaß", fasste Süß ihre Erfahrungen zusammen.

 

Mit Leidenschaft dabei sind auch die Mitglieder einer kürzlich gegründeten, Schweinfurter Selbstvertretergruppe für Menschen mit Behinderung. "Wir wollen, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können", brachte es Christiane Schmitt auf den Punkt. Sie gehört der Gruppe W.M.F (Wir. Miteinander. Füreinander.) an, die sich unter anderem für Barrierefreiheit, Leichte Sprache, Mitbestimmung und Selbstbestimmung einsetzt. Warum gerade letztere viele im Hinblick auf Menschen mit Behinderung überrascht, führte Barbara Dengler aus. Man traue es Menschen mit Behinderung nicht zu, spreche über sie, anstatt mit ihnen, glaube, es besser zu wissen und vergesse, dass sie die gleichen Bedürfnisse wie alle anderen auch hätten. "Das", so die Referentin der Lebenshilfe Bayern, "ist alles nicht aus bösem Willen." Man sei schlicht noch nicht an das gewachsene Selbstbewusstsein gewöhnt, das Menschen mit Behinderung in der jüngeren Vergangenheit entwickelt hätten.